Bettelfrau

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Das Märchen "Die Bettelfrau"
Im Jahre 1706 brachte Pfarrer Binz zu Usingen von einer Reise in die Residenzstadt ein Waisenmädchen mit, das er mit Hilfe der Fürstin Charlotte-Amalie von Nassau-Usingen in der Papiermühle des Konrad Heytmann im Weiltal bei Neuweilnau unterbrachte. Das Mädchen wurde Emilie Masin genannt, über seine Eltern wusste man nichts. Als es herangewachsen war, verliebte es sich in den Sohn des Papiermüllers. Das passte wohl dem alten Heytmann nicht. So musste Emilie den Dienst wechseln. Die beiden jungen Leute hatten sich aber Treue geschworen.

Doch: aus den Augen, aus dem Sinn. Der junge Johann Heytmann fand eine andere, und als Emilie das erfuhr, zündete sie heimlich in der Nacht die Papiermühle an und hätte beinahe großen Schaden angerichtet. Sie wurde eingefangen, als Brandstifterin zu Altweilnau in den Turm gesetzt, entkam aber und ging schnell außer Landes.

Viel Glück hat sie aber in ihrem weiteren Leben nicht gehabt, denn drei Jahrzehnte später klopfte an einem Winterabend eine armselige Bettelfrau an die Tür der Heytmannschen Papiermühle. Man ließ sie ein, reichte ihr Speise und Trank und bot ihr ein Nachtlager an. Einer aber erkannte sie: Johann, der jetzt Papiermüller war. Mag sein, dass sie gerade deshalb nicht bleiben wollte. Sie dankte und ging in die kalte Nacht hinaus. Am nächsten Morgen fand man sie erfroren nahe der Wegegabelung zwischen Merzhausen und Oberlauken, die heute noch „die Bettelfrau“ genannt wird.

1976 pflanzte der Altweilnauer Winfried Löw als Gedenken an diese Geschichte eine Linde, die heute weithin sichtbar zur Erinnerung mahnt.

Im Juni 2009 wurde die Bronzefigur „Bettelfrau“ von dem Weilroder Künstler Gunnar Platzen feierlich in der Ortsmitte eingeweiht.

Anmerkung:
Von der Sage „die Bettelfrau“sind weitere Versionen bekannt. Eine andere schildert weitaus detaillierter das Leben des armen Waisenkindes. Sie unterscheidet sich insbesondere im Punkt der Brandstiftung von der hier  vorgestellten Fassung. Dort bleibt offen, wer an der Papiermühle ein Feuer entzündete. Eher wird dem Leser suggeriert, dass der alte Papiermüller gar selbst ein Feuer legte, um sich auf diesem Wege des nicht standesgemäßen Fräuleins zu entledigen. So wird die junge Frau schuldfrei gefangen gesetzt und erst viele Jahre später als gebrochene Bettelfrau aus der Haft entlassen. In einer anderen Fassung wird berichtet, dass die Bettelfrau und zwei Kinder erfroren an der Weggabelung zwischen Altweilnau und Oberlauken aufgefunden wurden. Hier stellte sich jedoch heraus, dass es sich bei dieser Fassung um eine Vermischung von zwei Sagen handelt: Die der Bettelfrau und die der Geschichte um die Kinder, die an der Jammerhecke bei Brombach erfroren sind.