Grafen von Weilnau

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Jutta Steinbrück alias Heinrich I von Weilnau

Erstmals erscheint ein Embricho de Didesse in den Jahren 1059 und 1062 in zwei Schenkungsurkunden. Ein Emmerich de Didesse, kommt 1073 in einer Verkaufsurkunde von Gütern in Bodenheim (heutiger Landkreis Mainz-Büdingen) vor. Dessen Sohn ist Heinrich I. Der erste Heinrich, in einer langen Folge dieses Namens, bei der nicht immer ganz klar ist, welcher Heinrich zu wem gehört.

Als im 12. Jahrhundert das Geschlecht der Hohenstaufen zu gesamteuropäischer Bedeutung kam, trat Heinrich II von Diez als ständiger Begleiter im Dienste des Staufer Kaisers Friedrich I, auch Barbarossa genannt, auf.

Machtschwerpunkt der Staufer war der Südwesten Deutschlands, doch ein besonderes Augenmerk legten sie auf die Wetterau, Kornkammer des Reiches und Sitz bedeutender Grafengeschlechter. Barbarossa hatte – genauso wie die Römer 1000 Jahre vor ihm – die Wichtigkeit der Wetterau erkannt und die Landschaft durch einen wehrhaften Kranz von Reichsstädten geschützt. Dazu gehörten auch die Grafen von Diez, die ihren Stammsitz im gleichnamigen Städtchen an der Lahn hatten. Zwischen Lahn und Wetterau konnte das schmale Band der Herrschaft Weilnau trennende und verbindende Eigenschaften annehmen. Demzufolge sicherten sich die Grafen von Diez diesen Besitz schon sehr früh und legten damit den Grundstein für Burg und Ort Altweilnau.

Mit dem Kaiser zog Heinrich II von Diez 1189 zum 3. Kreuzzug aus und war an diplomatischen Verhandlungen beteiligt. Höchstwahrscheinlich ereilte Heinrich II von Diez das gleiche Schicksal wie Barbarossa, denn er kehrte vom Kreuzzug nicht zurück. Seine Söhne standen dem Sohn Kaiser Barbarossa nahe. Wahrscheinlich im Königsdienst hervorgetan, erhielten Gerhard II und Heinrich III von Diez am 15.01.1207 von König Philipp von Schwaben im Tausch gegen ihre Vogtei zu Castell bei Mainz Reichsgüter und das Kirchenpatronat in Usingen. Nachfolgend die Übersetzung der Tauschurkunde:

Philipp, von Gottes Gnaden römischer König, allzeit Mehrer des Reiches, entbietet allen seinen Getreuen, denen dieser Brief gezeigt wird, seine Huld und alles Gute.Wir wollen zur Kenntnis aller unserer Getreuen gelangen lassen, dass bezüglich bestimmter Bestimmungen eine Veränderung und ein Austausch zwischen uns und unserem lieben, getreuen Grafen Gerhard von Diez vereinbart worden ist, folgender Art. Im Ausgleich für jene Vogtei in Kastel in der Nähe von Mainz, die der obgenannte Graf Gerhard von Diez und sein Bruder Heinrich von dem Erwählten von Mainz, Luipold, haben und die sie uns auf unseren Wunsch übertragen, geben wir ihnen zu rechtmäßigem Lehen alle unsere Güter zu Usingen, die wir dort haben, mit jeglichem Recht, dass zu diesen Gütern gehört, auch das Patronatsrecht der dortigen Kirche. Ausgenommen bleiben jene Leute, die in jenen Gütern uns als eigen gehören, und ferner der Hälfte jener Leute, die in Usingen der Kirche gehören. Diese Hälfte übergeben wir als dem Grafen Gerhard und seinem Bruder Heinrich auch wie unsere anderen Güter in Usingen zu rechtmäßigem Lehen. Damit dies alles aber gesichert bleibe, befehlen wir, diese öffentliche Urkunde auszufertigen und mit unserem Siegel zu bekräftigen. Dafür sind folgende Personen Zeuge: Cunrad, Bischof von Speyer, der Abt von Fulda, Landgraf Hermann von Thüringen, Graf Adolf von Berg, Albert von Endsee, Kuno der ältere und der jüngere von Münzenberg, unser Kämmerer Berthold von Weiperfelden, Johannes, der Sohn des Schultheißen Wolfram von Frankfurt und andere mehr. Gegeben bei Frankfurt, den 15. Januar 1207.

Mit der Weitergabe dieses Landstriches an die Grafen von Diez hatten sich die Staufer ein wichtiges Stück „Kernland“ geschaffen, um den Machtmittelpunkt weiter zu festigen. Noch heute belegen Flurnamen wie „Königsholz“ oder „Königskanzel“, dass Altweilnau einmal königlicher Besitz war, den die Diezer erhielten. Erstmals wird Altweilnau hiernach 1208 als Wilnawe urkundlich erwähnt.

Sämtliche Güter des Hauses Diez befanden sich im Besitz der beiden Brüder Gerhard II und Heinrich III von Diez. Ersterer unterzeichnete am 14. September 1208 eine Urkunde mit „Gerardi Comiti de Wilnawe“ und nannte sich künftig auch gern Graf von Weilnau. Eine Güter und Titeltrennung, lässt sich aber erst mit Heinrich I von Weilnau (einem Sohn von Heinrich III von Diez) feststellen, der 1249-1282 hier residierte. Jener Heinrich I von Weilnau erscheint auch als Heinrich IV von Diez und kommt in der Folge sowohl unter dem Namen „de Dietse“ wie unter dem Namen „de Wilnawe“ vor. Seitdem unterscheiden die Quellen eine ältere Diezer Linie und eine jüngere Weilnauer Linie des Grafenhauses.

Heinrich I von Weilnau war eine sehr angesehene Persönlichkeit und stand König Wilhelm von Holland nahe. Er diente Erzbischof Werner von Mainz als Vertrauensmann, in dessen Gefolge er 1261 mit zur Krönung König Ottokars nach Prag zog. 1252 bekleidete er das Amt eines „imperalis aule marescalcus“ (Hofmarschall). Weitere Urkunden nennen ihn als Zeugen und Schiedsrichter des Erzbischofs. Seine Gemahlin war Luitgardis, eine Tochter von Albert von Trimberg und Luitgard von Büdingen mit der er fünf Söhne (Herrmann - Domherr zu Mainz, Gerhard I von Weilnau - Stammhalter, Albert – Domherr zu Würzburg, Heinrich – Abt zu Fulda, Peter – Domherr zu Mainz) und drei Töchter (Margarete, Adelheid und Jutta) hatte.

Während er es zu Ansehen und Wohlstand brachte, nutzten seine Söhne nicht das Glück der Stunde. Vier der Kinder aus dieser Beziehung erlangten zwar bedeutende geistliche Ämter, der Stammhalter, Gerhard von Weilnau aber, verschuldete sich und den mit Diez gemeinschaftlichen Familienbesitz. Sein Sohn Heinrich II von Weilnau tätigte zwar nur noch Verkäufe aus weilnauischem Besitz, einem Ausverkauf des Familienvermögens wollte die Diezer Linie wohl aber nicht länger ruhig zuschauen, und so hielt Graf Gerhard IV von Diez 1302 die Besitzanteile vertraglich fest.

Man teilte den Besitz in die Gebiete Alt und Neu Weilnau auf. Um die relativ kleine Weilnauer Burganlage nicht mehr miteinander teilen zu müssen, errichtete die Diezer Grafenfamilie auf dem gegenüberliegenden Rodelenberg eine neue Anlage – Neu-Weilnau. Als einziger Ort der Großgemeinde Weilrod kennt man hier die genaue Entstehungszeit! Am 22. Juni 1302 wurde die Teilung des diezisch-weilnauischen Besitzes vollzogen. Hierzu ist vom 22.06.1302 eine Urkunde erhalten, die nach einem Schiedsspruch folgendes besagt:

Graf Gerhard IV von Diez, seine Frau Elisabeth und sein Bruder Gerhard unterwerfen sich einer schiedsrichtlichen Entscheidung in einer Streitsache mit Graf Heinrich II von Weilnau. Dieser hat hiernach keinen Anspruch mehr an Burg Weilnau. Graf Gerhard IV von Diez verpflichtet sich für seine Vettern Heinrich II und Reinhard von Weilnau bis zum 26.05.1303 eine Burg auf dem Rodelenberg zu errichten. Im Gegenzug überlassen die beiden ihren Anteil an Alt Weilnau ihm. Burgmannen konnten mitziehen und ihre Häuser in Alt Weilnau verkaufen bzw. an einen anderen Ort versetzen. Der Vertrag wurde erfüllt, die Burg erbaut. Der auf Neuweilnau residierende Zweig der Familie erhielt die Herrschaft Neuweilnau mit den Kirchspielen Rod an der Weil, Grävenwiesbach und Usingen. Die Diezer Linie behielt neben der Burganlage die Kirchspiele Altweilnau und Steinfischbach sowie das Gericht Wehrheim.

Die Neu Weilnauer Herrlichkeit währte allerdings nicht lange. Bereits 1326 sah sich Graf Heinrich II von Weilnau gezwungen, Schloss und Herrschaft in fremde Hände zu geben. Er verpfändete den Besitz an Probst Siegfried von Runkel, einen Onkel, der wahrscheinlich nur als „Strohmann“ fungierte. In dieser Urkunde vom 23. Juni 1326 heißt es:

Wir Grebe Heynrich von Wylenawe vnde Frawe Mechtilt, unse elichte Huißfraw virkaufin deme ersamen Mane, Hern Sifride van Runkel, Probste zu Gemunden, unserme Nebin (Neffen) vnde sinen Erbin, unsre Burck Willnauwe (also Neuweilnau) und dass Städtekin dass drumhin ligit, mit Burckmannen, Lude unde Gude, dass zu unserme deile da gehorit, mit allir der Herschaft, unde allim deme Rechte unde Nutze, also wir dass bis an disin hudegin Dach besessin hain, als uns Altforderin dass of uns bracht hant, mit Namen dieses Dorf, zu Wisinpach (Grävenwiesbach), Isemitte (Möttau), Aldinkirche (Altenkirchen), Usungen, Rodde (Rod an der Weil); mit allin deen eygenin Gude, dass darzu herit umme Echtzinde halb hundirt Mark und dri Schillinge gudir Peninge (1750 Mark).

Außer den genannten Ortschaften werden noch Güter zu Hahnstätten, Kettenbauch, Zeusheim und Södel verpfändet. Wenige Wochen später, am 16. 09.1326 weist Heinrich II von Weilnau seine Burgmannen an, dem neuen Herren zu huldigen und entbindet sie von ihrem Treueid ihm gegenüber. Noch im gleichen Jahr, am 01.11.1326 verkaufte der Probst sein Pfandrecht an Graf Gerlach von Nassau, dessen Einflussbereich damit von Weilburg Lahn abwärts reichte.

Heinrich II und Reinhard von Weilnau kehrten Neu-Weilnau den Rücken und erwarben durch Heirat die Herrschaft Bierstein im Vogelsberg. Mit dem Tod von Graf Reinhard von Weilnau, der das hohe geistliche Amt eines Fürstabtes von Fulda innehatte, erlosch die jüngere Weilnauer Linie im Mannesstamm am 17.03.1476.

Auf dem Burgsitz in Alt-Weilnau feierten die Diezer Vettern am 18. Mai 1336 sicher ausgiebig. Auf Betreiben von Graf Gerhard IV von Diez erhielt Alt-Weilnau durch Kaiser Ludwig dem Bayern die Stadtrechte erteilt, die allerdings 9 Tage später wieder zurückgenommen wurden. Die drückende Schuldenlast veranlasste Graf Gerhard von Diez im Jahre 1370, die Hälfte der Herrschaft Altweilnau an Walter von Cronberg zu verpfänden.

Mit dem Tod von Gerhard VII von Diez im Mannesstamm 1388, dem letzten Diezer Grafen, ergeben sich Veränderungen für Alt-Weilnau. Da die Erbtochter Jutta, Gräfin von Diez, sich mit Adolf von Nassau-Dillenburg vermählt hatte, kam die gesamte Grafschaft in naussauische Hände, jedoch besaß sie je zur Hälfte, wie vormals im diezischen Grafenhaus, eine andere Linie.

Im Laufe der nächsten 240 Jahre wechselten die Besitzverhältnisse mehrfach, bis die Verpfändung 1596 durch Erbkauf abgelöst wurde. Seit dem Jahre 1631 ging die Herrschaft vollständig in Nassauer Hände über, was für die Einwohner sicher eine große Erleichterung war.